Warum ich nicht „typisch“ türkisch bin?

Veröffentlicht: 27. Januar 2014 in Warum ich...?
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Warum ich nicht „typisch“ türkisch bin?

„Aaalder, bin isch Orhan! Wohn‘ isch in Schweinefresseland!“ oder so möchte ich im Alltag unter meinen Mitmenschen natürlich nicht auftreten, wie lustigerweise der Sketch bei der guten Frau Anke Engelke gespielt wurde und deshalb haben meine Eltern alles dazu beigetragen, dass ich in Deutschland richtig integriert wurde. Ah, mein Fehler, aber viele wissen ja gar nicht meine Vorgeschichte. Also von vorne. Ich bin kein gebürtiger Türke, denn ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen – Baujahr 1986. Beide Eltern türkisch und beide in der Türkei in einem kleinen Kuhdorf geboren, wo man noch mit Stock und Strafe erzogen wurde. Böse Zungen würden behaupten, dass das von meinen Eltern auf mich abgefärbt ist, aber dem ist ganz sicher nicht so, denn meine Eltern haben es, nachdem sie mit frischen 14 Jahren nach Deutschland wegen der Arbeit eingewandert sind, relativ schnell verstanden, dass man in diesem Land nur erfolgreich bestehen und ein gutbürgerliches Leben führen kann, wenn man sich integriert. Wisst ihr, ich sehe das genau gleich. Viele Türken in Deutschland haben ein ganz großes Problem: Sie fühlen sich in der Gesellschaft nicht akzeptiert, warum das weiß keiner und aus diesem Grund vermitteln sie gerade manch deutschem Mitbürger ein sehr distanziertes Verhalten. Ich werde meine Aussagen hier nicht verallgemeinern, aber spreche gezielt die Personen an, auf die dieses Phänomen zutrifft – und davon gibt es genug. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man nicht bereit ist sich zu integrieren und alle Gesetze und Vorschriften in Deutschland zu akzeptieren! Gerade als „Gast“ muss doch das Bestreben immer am größten sein dem Gastgeber ein gutes Bild von sich zu vermitteln und nicht den sturen Ziegenbock zu spielen. So wird man in der Gesellschaft immer Gegenwind bekommen und sich kein bisschen weiterentwickeln. Ich höre oft, dass man in seinem „Stolz“ verletzt und angegriffen wird. Welcher Stolz soll das sein? Weil man türkische Jugendliche schräg anschaut, wenn sie sich in der Öffentlichkeit wie eine wilde Stierherde den Weg durch die Fußgängerzone bahnen, wenn man bei einer Konversation nicht in jedem zweiten Wort auf das Wort „Aldaaaa“ verzichten kann, wenn man in der Metzgerei lautstark schreit „DAS IST ABER SCHWEIN!!!“, wenn man gezielt den deutschen Freundes- bzw. Bekanntenkreis meidet, wenn man nicht dankbar ist, dass man in Deutschland arbeiten und sein Geld verdienen darf? Liebe Landsleute: Das ist kein Stolz, auf den man stolz sein kann, glaubt es mir einfach. Ich lebe sehr gerne in Deutschland und schätze den Luxus, den die Menschen hier genießen dürfen. Damit möchte ich keineswegs sagen, dass die Türken in der Türkei extrem schlecht oder unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, aber machen wir uns nichts vor: Die Türkei muss sich noch lange entwickeln, um auf dem Stand wie Deutschland zu sein. Man schaue sich nur die aktuelle Regierung mit Erdogan an – es entwickelt sich geradezu in eine Diktatur und darauf bin ich als Türke ganz bestimmt nicht stolz und distanziere mich langsam von meinem eigenen Land. Eine wirklich traurige Entwicklung!

Ich bin als kleines Kind fast ausschließlich in einem deutschen Freundeskreis aufgewachsen und habe mit meinem Alter von 27 Jahren mittlerweile nur noch deutsche Freunde. Ich möchte damit nicht eine Abneigung gegen türkische Freunde vermitteln, es hat sich einfach nie ein türkischer Freundeskreis ergeben. Es mag jetzt hart klingen, aber bei den türkischen Freunden, die ich hatte, hatte ich das Gefühl, dass sie mich in meiner Entwicklung eher negativ beeinflussen und aus diesem Grund ließ ich die Freundschaften auf Glatteis laufen. Das heißt natürlich nicht, dass man ab jetzt einen großen Bogen um die türkischen Mitbürger machen soll. Es gibt genauso deutsche „Assis“, bei denen man auch nur mit den Augen rollen kann, aber wie gesagt, wir gehen ja davon aus, dass „wir“ (ich sehe mich mittlerweile zu 85% Deutsch und 15% Türkisch) als Gäste hier waren und vorerst eine Außenseiter Rolle übernommen haben.

Meine Kernaussage soll folgende sein: Es bedarf gar nicht so einer großen Anstrengung sich erfolgreich zu integrieren und am Ende hat man in Deutschland ein sorgenfreies Leben, wenn man sich keine Ausrutscher leistet. Die türkische Kultur soll ja zu keinem Zeitpunkt abgelegt werden und das fordert auch keiner. Es ist doch auch für die Deutschen nur eine Bereicherung, wenn sie einen integrierten türkischen Freund haben, der ihnen all die wundervollen Dinge aus einem anderen Land näher bringen kann, ohne das gleich die Panik und Furcht über den Islam ausbricht. Neben der Religion gibt es noch mindestens hunderte andere schöne Eigenheiten, die die Türkei zu offenbaren bereit ist. Lasst es zu liebe Landsleute und profitiert davon 🙂

Ein kleiner Nachtrag zum Thema Schweinefleisch und Alkohol:

Ich verstehe und toleriere Leute, die strikt nach ihrer Religion leben. Aber wenn man schon wirklich groß posaunt, dass zum Beispiel Schweinefleisch ja das „schlimmste“ und das „ungesündeste“ wäre, sollte man vielleicht nicht dann am nächsten Wochenende im Club hängen und den siebten Vodka Bull trinken – leuchtets? Entweder ist man so konsequent und zieht das knallhart durch oder man äußert sich nicht zu solchen Themen. Ich bin jemand, der an das glaubt, was ich sehe und fühle und es ist auch kein Geheimnis, dass ich seit mehreren Jahren Schweinefleisch esse und Alkohol trinke. Umgebracht hat es mich nicht, Überraschung, Überraschung.

Ich verstehe dann zum Beispiel auch eine Sache nicht, die ich jetzt sehr oft erlebt habe. Ich kenne ein paar Mädels, die tragen Kopftücher. Vorerst nichts verwerfliches dran und ich habe auch nichts gegen Kopftücher, bevor hier jetzt die Hasswelle ausbricht, aber wie passt es zusammen, dass genau DIESES Mädchen dann am Wochenende mit einem knappen Outift, dass weit über den Knien aufhört sich in die Stuttgarter Clubszene traut? Und das nicht nur einmal, sondern mehrmals im Jahr! Nun gibt es zwei Theorien dazu: Entweder forcieren die Eltern, dass das Kind ein Kopftuch trägt und die Trotzreaktion ist das knappe Outfit, um sich von den Fesseln zeitweise zu lösen oder das Kind schämt sich, sich zu outen, dass es eben auch gerne freizügigere Outfits tragen möchte und das Kopftuch nur als Fassade trägt. Ich werde bestimmt nicht nachfragen, aber nur mal vielleicht so als Denkanstoß für alle anderen Blogleser.

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